Tiroler Tageszeitung, Mittwoch/Donnerstag, 2./3. Juni 1999

Fitneßstudio der Rockgeschichte

Bridges To Babylon oder: Wie vier ältere Herren sich jugendliche Leistungsfähigkeit erhalten

Peter Plaikner


Es gibt Maßstäbe für scheinbar maßlose Übertreibung: Wenn die

Rolling Stones Brücken nach Babylon bauen, ist dies ein Spiegel

von 40 Jahren gesellschaftlicher Entwicklung. Vor allem

jedoch die wahrscheinlich beste Rockkonzertproduktion

überhaupt.

IMST. Manche Damen tragen Pumps. Nicht nur auf der VIP-Tribüne. Auch in der Arena des gemeinen

Konzert-Volks. Vielleicht sinniert Mick Jagger deshalb über "Some Girls", nachdem er

eingangs beteuert hat: "You'll Never Make A Saint Of Me". Woran neben Jerry Hall auch die

45.000 am Montag im Imster Matsch ohnehin nie zweifeln würden. Trotz seines herzerweichenden

"Ruby Tuesday" - dem Song zuvor.

Geschickte Wahl des Song-Repertoires

Bei diesen Stücken 7, 8 und 9 des seit 21.57 Uhr laufenden Auftritts ist längst klar: Es hat sich gelohnt.

Trotz allem. Regen, Verkehr und diverses Chaos werden nebensächlich in 125 Minuten bestem Stones-

Konzert. Immerhin schmachtet Chordame Lisa Fisher das geilste "Uhuhuh" (sorry, Jerry ...) seit

Entstehung von "Gimme Shelter". Außerdem kann etwas, das mit "Jumpin' Jack Flash" beginnt und "Sympathy For The

Devil'endet, gar nicht wirklich schlecht sein.

Überdies wollten wir "Route 66", "Get Off My Cloud" und "Midnight Rambler" immer schon

aus einer Minibühne mitten im Publikun hören.

Und überhaupt: "Bitch", "Paint It Black", "Brown Sugar", "Tumbling Dice", "Respectable" und "It's Only Rock 'n' Roll"

sind handverlesene Perlen aus dem Oeuvre der Glimmer Twins,wie Mick Jagger und Richards sich mitunter einst nannten.

Eine perfekte Wahl für die letzten Stones-Shows dieses Jahrtausends. "The Last Time" fehlt diesmal. Ein Fingerzeig?

Überwiegend Material aus den ersten Dekaden

Mehr als zwei Drittel der 21 Konzerttitel stammen aus den 60er und 70er Jahren. Wohl fast zwei

Drittel des Publikums erlebten damals ihre Jugend. Und während mitgenommene

Kinder "Start Me Up" als Klassiker bejubeln, gilt routinierten Eltern diese 81er Nummer geradezu

als neu. Nicht nur, weil sie mittlerweile von Europas Sozialdemokraten als Wahlhilfe-Soundtrack

bemüht wird.Lediglich "You Got Me Rockin'", "Saint Of Me" und "Out Of Control" sind

eine Reminiszenz ans Jetzt - Stones-Stücke aus diesem Jahrzehnt. Und bevor die Bridges To

Babylon (CD-Titel und Tournee-Motto) auch technisch geschlagen werden, darf Keith

Richards ohne sein aller Ego "All About You" und "Before They Make Me Run" singen. Gut so. Denn

er ist noch mehr Stein als der vermeintliche Stein >schlechthin. Der Wechsel von der riesenhaften

Hauptbühne auf ein kleines Tableau inmitten des Publikums ist der Show-

Höhepunkt des Abends. Während die Stars über >einen schmalen Korridor zu diesem Nebenschau

platz hetzen- werden sie allerdings (fast) Opfer zahlreicher Bierwurfattacken. Was viel über einen nicht unbeträchtlichen

Teil des Publikums aussagt. Wie schon so oft in Imst war seine Qualität jener des gebotenen Programms nicht gewachsen.

Aufwandssuperlative für eine Band in Hochform

Bridges To Babylon mag bei oberflächlicher Betrachtung lediglich als Hühepunkt einer einfallslos in Gigantomanie

endenden Popkultur erscheinen, Es ist jedoch die ultimative Rockshow unserer Tage. Denn die Aufwandssuperlalive finden Ihre

Entsprechung in einer Band, die viel mehr bietet als die Vermarktung ihrer Vergangenheit.

Dahei ist es unerheblich, wieviel vom Live-Sound wirklich aus den Kehlen und Instrumenten des Quartetts stammt. Als Jetsetter

Mick sich nach "Servus Tirol" mit "Ich möchte die Band vorstellen"

ein zweites Mal deutschsprachig erprobt, dauert die Aufzählung sehr

lange. Und auch die Live-Übertragung mit perfektem Bildschnitt auf eine riesige ovale Videowand trägt neben dem nahezu

allerorts perfekten Klangbild viel zum Konzerterfolg bei.

Doch Löwe Jagger, Schütze Richards sowie die Geburtstag feiernden Zwillinge Ron Wood (l. 6.) und Charlie Walls (2. 6.) sind

vor allem die glaubwürdigste Verkörperung heimlicher (?) Träume von zumindest zwei Generationen - mit all ihren Wider-

sprüchen. Von Personal Trainern athletisch gestählt, geben sie das Stück von den hoffnungslos kaputten Typen. In exakte Rollenverteilung

choreogaphiert, wirkt ewig improvisiert ihr Duospiel vom nervösen Zappelphilipp und coolen

Dunkelmann. Cool als wären sie Erfinder dieses Modewortes, bearbeiten sie ihre Rockgeschichte

im konzertanten Fittnesstudio.

Wenn das Establishment Aufbegehren spielt

Die Rolling Stones sind der langlebigste Trumpf gegenüber all den künstlichen Lichtgestalten

der Glitzerwelt. Sie sind Establishment und spielen Aufbegehren. Sie leben angenehm gefangen in

ihrem Erfolg und gaukeln den Traum von der großen Freiheit vor. Sie sind alt und spielen

Jugend. Wie ihr Publikum. Sie werden anders alt als andere alt wurden. Wie ihr Publikum?

Endstation Sehnsucht.



Bildkommenter:
URGESTEIN: Als Mick Jagger und Keith Richards "Jumpin' Jack Flash" intonierten, hatte
der Regen gerade aufgehört.